Zen-Meditation

 

Über Zen: (auszugsweise übersetzt aus den Einführungsvorträgen der Sanbo-Zen-Linie,
                          dem sôsan no hanashi)

 

Shakyamuni Buddha als Gründer

Auf der Suche nach Erleuchtung, nach einer schwierigen Zeit der Askese mit Selbstkasteiung ohnegleichen, erkannte Buddha Shakyamuni, wie vergeblich es war, einen Weg zu folgen, der nur in der Selbstzerstörung endet. Er entschied sich für den sogenannten „mittleren Weg“ zwischen extremer Strenge und völliger Laxheit und widmete sich sechs Jahre lang ausschließlich dem Sitzen in Meditation.

Am Morgen des 8. Dezembers, in dem Augenblick, als er sah, wie die Venus am östlichen Himmel glitzerte, erlangte er vollkommene Erleuchtung und rief, dem Kegon Sutra nach, spontan aus: „O wie wunderbar! Ihrem Wesen nach sind alle Lebewesen Buddhas, ausgestattet mit Weisheit und Tugend; da aber ihr Geist von verblendeter Unwissenheit verkehrt wurde, können sie es nicht wahrnehmen!“

Dieser Ausruf Buddhas ist in der Tat wunderbar, er bedeutet, dass alle Menschen – egal ob sie intelligent oder dumm sind, hübsch oder hässlich, weiblich oder männlich sind – so wie sie sind, ganz und gar vollkommen sind. Diese Erklärung des Buddha ist zugleich die letzte Schlussfolgerung des Buddhismus. Doch leider sind wir verblendet, aus Täuschungen heraus erwerben wir unser Selbstbewusstsein, werden ängstlich und ohne wirklichen Frieden des Geistes. Wir müssen deshalb zu unserem inneren Zustand der ursprünglichen Vollkommenheit zurückkehren, das falsche Abbild von uns selbst, unvollkommen, sündig und elend zu sein, wegwerfen und zur Reinheit und Ganzheit unseres inneren Wesens erwachen.


Die Bedeutung des Zazen

Der effektivste Weg, dieses Ziel zu erreichen, ist die Praxis des Zazen. Nicht nur Shakyamuni Buddha selbst, sondern viele seine Jünger und erfolgreichen Vorfahren des Weges erlangten Erleuchtung durch Zazen. Durch diese Methode lösten in den 2400 Jahren nach dem Tod von Shakyamuni unzählige Praktizierende in Indien, China und Japan die dringendste Frage: „Was sind Leben und Tod?“

Auch heute  noch sind viele Menschen in der Lage, sich durch Zazen von ihrer Angst und Furcht aus dieser grundlegenden Frage zu befreien, und Frieden in ihrem täglichen Leben zu finden. Zwischen einem Shakyamuni Buddha, von höchster Vollkommenheit, und uns gewöhnlichen Menschen besteht der Wesenheit nach überhaupt keinen Unterschied.

Nehmen wir das Wasser als Metapher für diese Wesenheit. Shakyamunis Geist ist ruhiges, tiefes und transparentes Wasser, in dem der „Mond der Wahrheit“ sich klar und vollkommen widerspiegelt. Der Geist des gewöhnlichen Menschen aber, ist ein trübes und unruhiges Wasser, unaufhörlich gestört und aufgewühlt durch die unkontrollierten Bewegungen trügerischer Gedanken und Leidenschaften, sodass der „Mond der Wahrheit“ nicht imstande ist, sich darin zu spiegeln. Dennoch scheint der Mond unwandelbar auf das Wasser; nur wegen der unruhigen Oberfläche kann er nicht erkannt werden.
Wie ist es möglich, dieses aufgewühlte Wasser zu beruhigen und den Mond sein Licht auf unser Leben und unsere Persönlichkeit scheinen zu lassen? Dazu müssen wir zuerst die wilden unruhigen Wellen unseres Herzens beruhigen, indem wir die Aktivitäten unseres dualistischen und diskursiven Denkens stoppen. Die „konzeptionellen Gedanken des Menschen“, so steht es in der Kegon Sutra, müssen zuerst ausgeleert werden.

In unserem täglichen Leben ist die Fähigkeit, diskursiv und abstrakt zu denken, sehr hoch geschätzt, aber die Tradition des Zen lehrt uns, dass dieses dualistische "Ich"-bezogene Denken an der Wurzel aller Verblendung sitzt. Ein Sprichwort sagt "Unterscheidendes Denken ist die Krankheit des menschlichen Geistes." Natürlich, das logische und diskursive Denken ist wichtig und ist von großem Nutzen, wenn es richtig angewandt wird - das heißt, wenn wir uns seiner Grenzen und Schwächen bewusst sind. Aber solange wir versklavt und abhängig sind von der Gnade unseres eigenen Intellekts, und noch nicht einmal wissen, dass wir so versklavt werden, werden wir mit Recht unheilbar "krank" bezeichnet.

Was ist das "menschliche Denken"? Zunächst bedeutet es einen "Strom", der vergänglich ist und ohne Bestand, mit Anfang und Ende, so wie wir auch selbst flüchtige Wesen in Raum und Zeit sind. Dies gilt nicht nur für die Gedanken einer einzelnen Person, sondern auch für die einer Epoche oder eines Zeitalters. Allerdings sind diese zufälligen Gedanken eher harmlos, denn sie sind wie Blasen, die keine Substanz haben. Schädlich aber sind die sogenannten festen Konzepte, Ideologien, religiöse Überzeugungen, etablierte Meinungen - kurz gesagt, die gehegten Ansammlungen von Wissen und Intelligenz, die seit unserer Kindheit unser Herz beschattet haben und unseren Geist beunruhigen und so das Licht des Mondes der Wahrheit verdunkeln.

Solange die wilden Winde des Denkens und Wissens unser Herz beunruhigen und die Oberfläche unseres wahren Selbst verformen, können wir Wahrheit nicht von Unwahrheit unterscheiden. Deshalb ist es dringend notwendig, diese Winde und ihre Aktivitäten zu beruhigen. Sobald sie sich legen, verschwinden die Wellen und das trübe Wasser wird rein, so dass wir sofort erkennen können, dass der Mond der Wahrheit  niemals aufgehört hat zu scheinen. Die plötzliche Erfahrung dieser Erkenntnis wird Kenshô oder Satori genannt, d.h. Erleuchtung und bedeutet die klare Einsicht in die Substanz unseres wahren Selbst. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen "Konzepten" auf dem Gebiet der Philosophie, der Ethik oder Wissenschaft, verblasst das wahre Verständnis, einmal realisiert, das ganze Leben nicht. Das erste Mal können wir ein Leben in Frieden leben, frei von Angst und Frustration, in voller Harmonie mit der Welt um uns herum.

 

© 2016 Wilmar Freund



gehe zu:                                                                             

Startseite  

Aktuelles, Meditationsgruppe, Kurse, Links  

Über mich 

Kontakt und Impressum